Victoria

Milking Schicht – Das Melken von 1700 Kühen auf einer rotierenden Plattform

G’day und viele Grüße vom Land! 

Heute wollen wir euch nun endlich die zweite Hälfte unserer Arbeit auf einer 1700-Kuh-starken Dairy Farm in Victoria vorstellen. Denn wenn wir nicht für die Kälberaufzucht eingeteilt sind, arbeiten wir meistens im “Milking” (dem Melkvorgang). Das ist eine äußerst monotone Arbeit, bei der man vieeel Kuh-Kacke abbekommt. 🐄💩

Die Arbeit im Milking ist also kein besonders toller Job, aber trotzdem äußerst interessant zu sehen, wie die industrielle Massentierhaltung funktioniert (& warum Menschen hier überhaupt noch arbeiten).

(Wer nicht am Milking interessiert ist, sondern nur wissen will, wie es uns gerade geht und was wir demnächst vorhaben, kann einfach zum letzten Absatz springen. 🙂 )

Timing und Struktur der Milking-Schichten

Die Kühe auf dieser Farm werden zweimal täglich gemolken: Einmal morgens und einmal nachmittags.

Da der komplette Melkvorgang der 1700 Kühe auf dieser Farm ca. 7 Stunden dauert, muss die Morgen-Milking-Schicht entsprechend früh anfangen. Besser gesagt: Nachts. Denn um 2:30 Uhr morgens geht’s los.

Mit Vor- und Nachbereitung dauert die Morgenschicht ca. 7,5-8 Stunden. Das bedeutet, die Morgen-Schicht ist meistens irgendwann gegen 10 Uhr morgens mit der Arbeit fertig.

Ca. 2,5 Stunden später, gegen 12.30 Uhr mittags, beginnt dann die Nachmittags-Schicht. Hier läuft fast das gleiche Prozedere nochmal ab, bis die Nachmittags-Schicht um ca. 20 Uhr Feierabend hat.

Jede Schicht besteht aus 3-4 Personen:

  • Einer, der die Kühe aus der Stall / vom Feld abholt, zur Melkplattform treibt und nach dem Melken wieder in den Stall / auf das Feld zurück bringt (“Droving”)
  • Einer, der die Melkmaschinen an die Euter anlegt (“Cups on”)
  • Einer, der die Melkmaschinen nach dem Melken wieder von den Eutern abnimmt (“Cups off”)
  • Einer, der als Springer fungiert. Dieser Person hilft den anderen drei Personen aus, gibt ihnen Pausen und erledigt extra Aufgaben. (“4th Person”)

Die vierte Person, der Springer, ist nicht immer im Schichtplan eingeteilt. 

In der Nachmittags-Schicht gibt außerdem immer noch eine extra Person, den sogenannten “AI-Man”. AI steht für “Artificial Insemination”, also künstliche Befruchtung (dazu später mehr). 

Unsere Schichteinteilung

Alle Mitarbeiter arbeiten 5 Tage die Woche mit 2 zusammenhängenden, freien Tagen. Für Marcel und mich sind das meistens Mittwoch und Donnerstag. 

Die 5 anderen Tage der Woche arbeiten wir meistens in unterschiedlichen Schichten, damit nicht zwei Newbies gleichzeitig in einer Schicht sind. Also z.B. Marcel in der Morgen-Schicht und Mona in der Nachmittags-Schicht.  

Tendenziell haben wir an 3 von 5 Arbeitstagen pro Woche Milking-Schichten und an 2 Tagen Kälberaufzucht-Schichten.

Die Melkplattform: Eine “50-unit rotary dairy”

Wie kann man sich so eine Melkplattform vorstellen?

Wir haben dafür mal eine Grafik erstellt:

Milking Schicht - Rotierende Melkplattform

Die Melkplattform ist eine runde Plattform, die in 50 (oder mehr) Teile eingeteilt ist. In jedes Abteil passt eine Kuh. Mit dem Kopf zur Mitte der Plattform, mit dem Hinterteil nach außen. 

Die ganze Plattform ist ca. einen Meter vom Boden erhöht und dreht sich langsam und stetig im Kreis

Jede Kuh, die ein Abteil auf der Plattform betritt, bekommt am Anfang ihrer Runde die Melkmaschinen an ihre Euter angelegt (“Cups On“). Während sie in ihrem Abteil fast eine ganze Runde auf der Plattform dreht, bekommt sie einen Körner-Mix zu fressen (im Bild das gelbe Viereck) und wird nebenbei von der Melkmaschine gemolken. Am Ende einer Runde auf der Plattform wird ihr die Melkmaschine wieder vom Euter abgenommen (“Cups Off“), das Euter desinfiziert und sie muss die Plattform wieder verlassen. 

Je nach Rotationsgeschwindigkeit der Plattform ist eine Kuh ca. 3-5 Minuten auf der Plattform. Wenn sie nach dieser Zeit noch nicht fertig gemolken ist, wird ihr Abteil mit einer kleinen Metallkette geschlossen und sie darf eine zweite Runde fahren.

Vielleicht fragt sich jetzt der ein oder andere: Mögen die Kühe das Melken?

Und die Antwort ist: Tendenziell ja!

Nicht alle und nicht immer, aber schätzungsweise ca. 60 % der Kühe wollen auf die Plattform und wollen am Ende der Runde nicht wieder herunter.

Warum?

Weil sie dort den Körner-Mix bekommen! 

Das heißt, die Person, die für Cups off eingeteilt ist, muss nicht nur die Melkmaschinen abnehmen und anschließend den Euter jeder Kuh desinfizieren, sondern muss auch aufpassen, dass die Kühe die Melkplattform wieder verlassen. Manche Kühe sind richtig sneaky und probieren mit diversen Tricks, auf der Plattform zu bleiben oder sich heimlich wieder hineinzuschleichen.

Jepp, sowas können Kühe. 

Und spätestens dann, wenn eine Kuh nicht auf Pfeifen, Klatschen oder Brüllen reagiert und sich auch nicht von einem Strahl Wasser auf den Rücken beirren lässt, muss die Plattform angehalten werden und die Kuh aus ihrem Abteil hinaus gescheucht werden. Einmal, ok. Zweimal, ok. Aber nach 6 Stunden voller Kühe scheuchen macht die 100. Kuh echt keinen Spaß mehr und man kann leicht die Geduld verlieren. 

Wenn wir dann manchmal etwas gröber mit den Tieren umgehen (müssen), tut uns das im Nachhinein immer super Leid. Denn eigentlich können die Tiere ja nichts dafür. Die meisten von ihnen sind schwanger, müssen jeden Tag 50 Liter Milch geben und wollen einfach gerne noch ein bisschen länger ihre Leckerlies fressen

Der Ablauf des Milking

Okay, mit all diesem Wissen können wir euch jetzt mit auf eine typische Milking-Schicht nehmen.

In dem Betrieb hier beginnen wir ca. 30 Minuten vor dem eigentlichen Melken mit den Vorbereitungen.

Während die Droving-Person sich schon auf den Weg macht, die Kühe zu holen, bereiten die Cups On- und Cups Off-Person die beiden großen Tanks für die Milch vor, setzen frische Filterpapiere in den Filter ein (die Milch muss gefiltert werden, bevor sie in den Tank kommt, denn ansonsten würde sich viel zu viel Sand und Kuh-Kacke in dem Tank befinden) und stellen alle notwendigen Wasser- und Desinfektionsmittel-Systeme an.

Dann, um 3 Uhr morgens bzw. 13 Uhr nachmittags, sind alle Kühe einer Herde da und können anfangen, auf die Plattform zu laufen.

Die Cups On-Person setzt die Melkmaschinen an die Euter an, die Kühe fahren eine Runde auf der Plattform und die Cups Off-Person nimmt die Melkmaschinen wieder ab

Hier mal ein kurzes Video von Marcel beim “Cups Off” Job:

Wenn Kühe fressen, dann machen sie gleichzeitig gerne neuen Platz in ihrem Darm. Das heißt vor allem für die Cups Off-Person: Viel Kuh-Kacke (für das Video hatte Marcel vorher übrigens extra den Boden sauber gemacht). 💩

(Achtung, jetzt wird’s ekelig!)

Bestimmt alle paar Minuten lässt irgendwo um die Cups Off-Person mindestens eine der Kühe einen Kuhfladen (im besten Fall) oder Durchfall (im schlechtesten Fall) von der Plattform fallen. 

Doof, wenn man als Cups Off-Person gerade direkt unter der Kuh stand und die Melkmaschinen abnehmen wollte.

Genauso doof, wenn die Kuh beim Kacken hustet und ihre Exkremente mehrere Meter nach hinten hinaus schießen (passiert öfter, als man vielleicht vermuten mag).

Und ganz besonders doof, wenn die Kuh mit einem flüssigen Fladen die Gitterstangen der Plattform erwischt und dieser dann an der Stange abprallt und in alle Richtungen spritzt (passiert bei 1700 Kühen auch recht häufig). 

Wegen all dieser Mengen an Scheiße, tragen Cups On- und Cups Off-Person meistens mehrere Lagen an Gummihosen, -shirts, stiefeln, -handschuhen und natürlich einer Kopfbedeckung. Marcel und ich tragen meistens sogar noch eine Maske oder ein Halstuch über Mund und Nase. 

Und ja… die Kühe haben uns schon oft auf die Hände und Arme gepinkelt und gekackt. Mich (Mona) haben sie sogar einmal auf dem Kopf erwischt… 

Manchmal fällt eine Melkmaschine übrigens auch vom Euter einer Kuh ab und saugt Kuh-Kacke vom Boden ein. Dann müssen wir schnell reagieren und die Melkmaschine wieder aufheben, mit Wasser abspülen und zurück ans Euter anlegen (ein gewisser Anteil Kuh-Kacke ist vermutlich sowieso immer in der Milch).

Jepp… und das wars auch schon. So geht das ganze dann für mehrere Stunden. Hunderte von Melkmaschinen anlegen bzw. abnehmen und nebenbei der Kacke ausweichen. 

Durch die repetitive Bewegung haben die meisten der langjährigen Mitarbeiter hier Schulter- und/oder Rücken-Probleme. Kein Wunder, bei sooo vielen Tieren! 

Die 4 Herden “unserer” Dairy Farm

Insgesamt sind die 1700 Kühe der Dairy Farm hier in 3 Herden mit jeweils 500-600 Kühen eingeteilt. Zusätzlich dazu gibt es noch eine “Sick-Herd“, also eine Herde mit kranken Tieren. Hier sind mal mal mehr, mal weniger Tiere drin, meistens aber so um die 50 Kühe.

  • Herde 1 und 2: Kühe, die gerade ihre Kälber bekommen haben und noch nicht wieder schwanger sind, bzw. schon wieder frisch schwanger sind
  • Herde 3: Kühe, die schon länger schwanger sind und bald keine Milch mehr geben werden (bis zur Geburt ihres Kälbchens, dann kommen sie wieder in Herde 1 oder 2)
  • Sick-Herd: Herde, mit kranken Tieren (lahm, Mastitis, andere Krankheiten)

Ist eine Herde fertig gemolken, werden auf der Melk-Plattform nur ein paar Abteile zwischendrin frei gelassen, bevor die nächste Herde die Plattform betreten darf.

Also alles ist sehr eng getaktet und man hat selbst zwischen den Herden keine wirkliche Pause.

Unterschiede zwischen Morgens- und Nachmittags-Schicht

Die Morgens- und Nachmittags-Schicht unterscheiden sich leicht voneinander, denn die Kühe tragen morgens mehr Milch (das bedeutet, die Plattform muss sich langsamer drehen).

Außerdem wird morgens die Milch der Kühe, die am Vortag ihre Kälber bekommen haben, in extra Behälter gemolken. Denn diese besonders nahrhafte Vormilch (“Kolostrum” genannt) ist nicht für den Verkauf geeignet, sondern wird im Laufe des Tages an die frischen, weiblichen Kälbchen verfüttert (siehe Beitrag über die Kälberaufzucht).

Morgens werden tendenziell auch eher alle extra Dinge abgefrühstückt (Kühe rausziehen, die verkauft werden sollen, Kühe mit Mastitis behandeln, lahmende Kühe in die kranke Herde bringen).

Dafür findet nachmittags die künstliche Befruchtung statt. Das bedeutet, dass ein “AI-Man” nach der Cups Off Person steht und jede Kuh, die gerade ihre fruchtbaren Tage hat, direkt nach dem Melken mit einem dünnen Metall-Stab künstlich befruchtet. Dafür muss die Plattform kurz angehalten werden und man hat als Cups On oder Cups Off Person ein bisschen extra Zeit, um seine Umgebung (oder sich selber) sauber zu machen. 

Alle Kühe auf dieser Farm sind also extreme Hochleistungs-Maschinen. Sie sind quasi non-stop schwanger und produzieren zig-Liter Milch am Tag. Wenn sie dann mit ca. 5 Jahren dann anfangen, weniger Milch zu geben, werden sie verkauft, geschlachtet und zu Burgern, Gehacktem oder Hundefutter verarbeitet. Die ganze Milch-Industrie kommt uns mittlerweile einfach nur noch verrückt vor. 

Naja… und damit haben wir euch jetzt hoffentlich einen ganz guten Einblick in die Milking-Schicht auf dieser Dairy Farm geben können. 

Wie man vielleicht aus diesem Beitrag schon heraus hören kann, ist das Milking nicht unbedingt unser Lieblingsjob. Von der ethisch-moralischen Komponente der Massentierhaltung mal ganz abgesehen, ist es uns einfach zu viel Kuh-Kacke und zu viel repetitive Arbeit. 

Wären das Betriebsklima und die restlichen Rahmenbedingungen nicht so überaus gut, wären wir hier wahrscheinlich keine vier Wochen geblieben. Aber so haben wir hier bald 3 Monate Farmwork voll gemacht und uns ein gutes, finanzielles Polster für die nächste Zeit anlegen können. 

Update von uns

Viel länger als diese drei Monate wollen wir aber nicht bleiben. Obwohl unsere Unterkunft echt toll ist, obwohl wir die Kollegen mögen und obwohl Australien gerade im Corona-Chaos versinkt. 

Wo wir danach hin wollen? 

Das ist noch nicht wirklich entschieden, da sich die COVID-Situation von Tag zu Tag ändert. Zur Zeit dürfen wir von hier aus (also vom Bundesstaat Victoria aus) nicht mehr nach Südaustralien oder Tasmanien einreisen, diese Grenzen sind dicht. Der dritte und damit letzte Nachbar-Bundesstaat von Victoria ist New South Wales.

Dort würden wir eigentlich gerne hin, aber dort gibt es gerade extrem viele Corona-Fälle. Und das, trotz mehrerer Wochen, die New South Wales schon im Lockdown ist. Wenn wir dort also einreisen, werden wir wahrscheinlich für eine ganze Weile nicht mehr rauskommen. 

Es ist gerade also wie verhext. 

Aber wir finden schon einen Weg. Und zur Not können wir sehr wahrscheinlich immer noch länger hier auf der Dairy Farm bleiben. 💩😅

Damit viele liebe Grüße und bis zum nächsten Beitrag! 

P.S.: Falls ihr an weiteren Infos und spannenden Grafiken zur Milchviehhaltung in Deutschland interessiert seid, haben wir diesen und diesen Link gefunden.  

2 Gedanken zu „Milking Schicht – Das Melken von 1700 Kühen auf einer rotierenden Plattform

  1. Hi ihr beiden,
    Mona du schreibst sehr amüsant und unterhaltsam, bringst die Dinge auf den Punkt! Immerhin gibt es noch Kühe, die sich nicht in diese Maschinerie so ohne weiteres einordnen wollen und aus der Reihe tanzen – wie im echten Leben auch nicht alle gleichgetaktet werden wollen. – Mir sind gerade diese Kühe beim Lesen sehr sympathisch. Wer weiß wozu es gut ist, dass ihr gerade da festsitzt in Victoria. Leben passiert, während wir fleißig dabei sind, Pläne zu schmieden. Bleibt nur, sich mit der Situation zu arrangieren. Haltet durch in der Hoffnung, dass die Situation im Sommer deutlich besser wird.
    Bleibt gesund.
    Viele liebe Grüße
    Christiane
    P.S. Hier sind die Sommerferien auch vorbei. Der Sommer hier war sehr durchwachsen. Die Hoffnung auf einen sonnigen Herbst stirbt zuletzt!

    1. Hi Christiane und danke für deine Nachricht!

      Das stimmt schon, die Kühe zeigen teilweise echt interessante Verhaltensmuster. Es gibt z.B. auch immer ein paar, die von der Plattform runter gehen und dann einfach stehen bleiben. Manche beobachten die “Cups Off” Person dann einfach nur und andere warten, bis sie ein bisschen gestreichelt, bevor sie irgendwann ganz seelenruhig abziehen. 😀

      Wir versuchen auch, die positiven Seiten am Festsitzen zu sehen, aber manchmal fällt uns das gerade echt schwer. Naja, wie auch immer…

      Wir wünschen euch einen guten Start in das neue Schuljahr und hoffen, dass euer Herbst doch nochmal schön sonnig wird!
      Viele liebe Grüße nach Nordhessen!

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