South Australia

Grape picking – Weintraubenpflücken in Australien

Zwei Traktoren beim Grape Picking mit Anhängern für die Trauben

G’day, mate! Schön, dass du hier bist!
Heute nehmen wir dich, wie im vorherigen Beitrag angedroht, einen Tag lang mit in unseren Job zum Weintraubenpflücken in Australien. 🍇

Bist du bereit?

Dann lass uns starten, denn der Tag eines “grape pickers” beginnt früh. Sehr früh. 😊


Aufstehen!

Um 4:45 Uhr klingelt der Wecker. Anziehen, Zähneputzen, Proviant einpacken und ab zum Auto. Mit einem Thermo-Kaffeebecher in der Hand und einer Kopflampe auf der Stirn öffne ich Marcel das Tor von Bruces Haus, damit er unseren kleinen Hyundai aus der Ausfahrt fahren kann. Abfahrt ist um 5:30 Uhr, plus-minus 5 Minuten.

Wir fahren ca. eine halbe Stunde bis zum Treffpunkt im McLaren Vale. Der Himmel ist noch stockdunkel, die Straßen sehr ruhig. Während der Fahrt hören wir meistens ein Hörbuch. Gelegentlich fahren wir an einem Fitnessstudio vorbei und sind überrascht, wie voll es darin um diese Uhrzeit schon ist. Die Australier sind ein sportliches Völkchen!

Der Treffpunkt im McLaren Vale ist der große Parkplatz eines Einkaufszentrums. Treffzeit ist 5:45 Uhr.

Moment… 5:45? Sind wir dann nicht mindestens 15 Minuten zu spät?

Richtig. Keine Ahnung, warum die Treffzeit so früh ist, denn es geht sowieso nie vor 6:30 Uhr los. Nach den ersten zwei Tagen gehörten wir vier Backpacker aus Deutschland (Leo und Dorian, zwei Jungs aus Norddeutschland + Marcel und ich) zu den wenigen Arbeitern, die trotzdem noch pünktlich kamen. Erst nach einer Woche trauten auch wir uns dann dezente 15 Minuten Unpünktlichkeit zu. Die Franzosen sind da einfach besser im Zuspät-Kommen… 😀

Überhaupt. Unsere Truppe ist ca. 110 Mann & Frau stark, wobei gefühlt 60% davon aus Frankreich kommen, 25% aus Australien und die restlichen 15% aus verschiedenen Ländern – u.a. Chile, Taiwan, Belgien und Deutschland.

Was steht heute an? – Die morgendliche Ansprache

Um 6:30 Uhr gibt es dann endlich die Ansprache. Die ganze Gang sammelt sich um einen Plastiktisch am Rande des Parkplatzes. Unser Big Boss John, ein Mann Ende fünfzig, mit schwarz-grauen Haaren, Polo-Hemd und italienischem Akzent begrüßt uns mit “Good morning everyone!“.

Good morning, John!“, antworten wir im Chor.

Dann berichtet er uns, wie viele verschiedene “Jobs” heute anstehen. Also, zu wie vielen verschiedenen Weinfeldern wir fahren und wie viele Tonnen Trauben dort jeweils gepflückt werden müssen. Meist sind es zwischen zwei und vier Jobs und zwischen 15 und 20 Tonnen Trauben pro Tag.

Danach nennt er uns noch die “Eimer-Preise” vom vorherigen Tag. Wir pflücken die Weintrauben nämlich in Eimer, die jeweils 10 Kilogramm Trauben fassen und werden am Ende nach Anzahl der Eimer bezahlt, die wir gepflückt haben. Akkordarbeit also, oder piece rate – Bezahlung nach Stückzahl.

John berechnet den Verdienst pro Eimer so, dass ein durschnittlicher Pflücker 24$ (ca. 14€) brutto pro Stunde verdient. Ist man also langsamer als der Durschnitt, verdient man weniger, ist man dagegen schneller als die anderen Pflücker, verdient man mehr. Das Prinzip klingt fair, ist auch fair, fördert aber leider die egoistischen Wesenzüge der Menschen…

Auto-Korso zum Weinfeld

Am Ende der Ansprache nennt er uns den Weg zum ersten Job. Dann steigen alle schnell in ihre Autos und machen sich bereit zur Abfahrt. John fährt in seinem Jeep mit gelben Blinklicht vor. 🚨Gefolgt von etwa 50 Autos, in denen junge Backpacker mit Textmarker-farbenen Westen (sogenannte “High-visibility clothes”) sitzen.

Zu dieser Zeit setzt die Dämmerung langsam ein. Die Vögel zwitschern ganz wunderbar und der anbrechende Tag taucht das McLaren Vale mit seinen hügeligen Weinfeldern in eine zauberhaftes, malerisches Licht. (Um diese Uhrzeit ist es bei euch übrigens ca. 22:30 Uhr abends.)

Am Ende der Kolonne fährt Gang-Boss Tony mit dem Toilettenhäuschen. Auch er hat ein gelbes Blinklicht auf seinem Jeep.

Vor ein paar Jahren ist es wohl mal passiert, dass ein paar Spaßvögel aus dem McLaren Vale sich auch ein gelbes Blinklicht auf das Autodach gesetzt und John seine Kolonne geklaut haben… 😀


Traubenpflücken in Australien – Und los gehts!

Sobald wir am ersten Weinfeld ankommen, steigen alle langsam aus ihren Autos aus, packen ihre “Snips”, also die Heckenscheren, ein und machen sich auf dem Weg zu Johns Auto. Jeder nimmt sich zwei große 10-kg-Eimer vom Anhänger und wir stellen und in Zweierpaaren vor den Reihen mit Weinreben auf.

Dann heißt es wieder… warten! Denn bevor die Sonne nicht aufgegangen ist, sehen wir die Trauben nicht gut genug.

Warum wir überhaupt so früh anfangen? Einfach. Normalerweise wird die Sonne zur Mittagszeit zu brutal, dass es sich nicht mehr angenehm draußen arbeiten lässt. Dieses Jahr ist es allerdings anders. Die Wettergötter spielen verrückt. Die meisten Tage ist es ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit, manchmal regnet es sogar. Bisher hatten wir erst 3-4 Tage an denen wir mittags wirklich gebraten wurden. Zum Glück! 🌞

Erst wenn die Lichtverhältnisse stimmen (meist so gegen 7 Uhr) und die Traktoren der Weinfarm da sind, brüllt Gang-Boss Tony: “Listen up!

Alle werden still und Tony gibt Anweisungen, während er zwischen unseren Reihen entlang geht: “Use your snips! Make sure you pick everything! Don´t leave anything behind! No leaves in the buckets! Post to post.”
Dann  wird er nochmal ein paar Sekunden ruhig und überlegt kurz. Währenddessen ist es ganz still und Tony genießt die Aufmerksamkeit von 100 Leuten auf sich. 1, 2, 3, 4, 5 Sekunden Stille, bevor er ganz gelassen sagt: Ok. In you go!”.

Das ist der Startschuss! Wie vom Blitz getroffen eilen daraufhin alle in die Reihen voller Weinreben und fangen an, so schnell wie möglich ihre Eimer zu füllen.


Das Weintraubenpflücken (Grape picking) 🍇

Wie funktioniert Weintraubenpflücken a.k.a. grape picking?
Ganz einfach. Mit einer kleinen Gartenschere werden die Weintrauben büschelweise abgeschnitten und in einen der beiden Eimer geworfen. Fertig!
Manchmal pflücken wir dunkle Trauben, manchmal helle. Mal sind die Reben in Reihen angepflanzt und ein anderes Mal pflücken wir die Trauben aus Büschen (“bush vine“). Meistens hängen die Trauben in Brusthöhe, ab und zu hängen sie auf Kniehöhe und wir arbeiten gebückt. Hier ist ein  kurzes Youtube-Video, das einen kleinen Einblick ins Traubenpflücken gibt.

Wie lange es dauert, bis ein Eimer voll ist?
Das kommt ganz auf die Reben an. Klingt vielleicht komisch, aber wirklich jede Weinfarm hat ihre Besonderheiten. Manchmal hängen die Trauben wie im Schlaraffenland schwer und voll an den Ästen, dann ist ein Eimer innerhalb weniger Minuten voll.
Manchmal sind nur wenige, magere Träubchen zu finden, dann kann es auch mal 20 Minuten dauern, bis ein Eimer voll ist.

Sobald ein Eimer voll ist rufen wir BUCKET!. Das ist das Zauberwort um einen der “Bucket-Boys” herbeieilen zu lassen.

Thanks, love” (für Frauen) oder “Thanks, mate” (für Männer) sagt der Bucketboy und stellt dir einen leeren Eimer hin. Auf dem Boden des leeren Eimers befindet sich dann ein farbiger Chip, “Token” genannt. Diesen steckst du in deine Westentasche, denn von der Anzahl an Token ist später deine Bezahlung abhängig. Der Bucket-Boy nimmt den vollen Eimer mit und bringt ihn zu einem Traktor.

That´s it! Wir schneiden -je nach Größe des Auftrages- zwischen einer und vier Stunden auf einer Farm. Sobald alle Reben gepflückt, bzw. eine bestimmte Tonnenzahl Weintrauben erreicht ist, ist der Job beendet.

Alle marschieren zum Toilettenhäuschen, säubern ihre Scheren, waschen ihre Hände und steigen in die Autos. Dann fährt die ganze Truppe wieder in Kolonne zur nächsten Weinfarm.

Dort gibt es erstmal eine Pause! “Smoko, wie die Australier ihre 15 Minuten (Raucher-) Pause nennen. Wir essen in der Zeit oft unsere Lunch-Pakete, die meist aus den Resten des Abendessens vom Vortag bestehen. 🙂

Dann gehts auch schon weiter. “COME ON!“, brüllt Tony und alle sammeln sich wieder wohlgeordnet in Zweierpaaren vor den Reben. Wieder wird eine kurze Ansprache gehalten und wieder stürzen sich alle auf die Trauben…

So verstreicht der Tag. Je nach Anzahl und Größe der Jobs sind wir zwischen 14 und 17 Uhr fertig. Ist der letzte Job beendet, folgt noch ein Highlight: der TOKEN-COUNT!


Die Abrechnung: Der Token-Count

Alle gehen zurück zum Parkplatz und sammeln sich um einen weißen Plastik-Tisch, an dem unser Boss John schon mit unserer Namensliste steht. Der Reihe nach legen wir unsere Token in 5er-Gruppen auf den Tisch. Verschiedene Token-Farben für verschiedene Jobs. Wenn du an der Reihe bist, nennst du deine Nummer in der Namensliste und gibst die Anzahl der Token durch, die du im Laufe des Tages gesammelt hast. Das wars. Dann ist Feierabend.

Nachdem die Tokenanzahl aufgeschrieben wurde, machen wir uns auf den Heimweg. Entlang der Strecke wartet noch ein kleines Highlight auf uns: der gigantische Ausblick von der Schnellstraße aus über die Stadt Adelaide und den Ozean.

Unser Tag als grape picker ist vorbei. Was bleibt? Dreckige Kleidung, Hunger und vielleicht ein bisschen Sonnenbrand. Wie hat es dir gefallen? 🙂

Weintraubenpflücken im Regen.

Und wie gefällt uns der Job als Weintraubenpflücker in Australien?
Er hat seine Vor- und Nachteile!

Wir mögen zum Beispiel die Outdoor-Arbeit. Es ist schön, an der frischen Luft zu sein und mit Pflanzen zu arbeiten… zumindest solange das Wetter mitspielt.  Wenn es regnet, oder die Sonne zur Mittagszeit brennt, ist die stundenlange Outdoor-Arbeit eher uncool.

Bei gutem Wetter ist die Arbeit physisch nicht wirklich anstrengend, nur manchmal kann das ständige Bücken bei vielen tiefhängenden Trauben in den Rücken gehen. Am Anfang haben wir uns auch noch häufig selber in die Finger geschnitten (vor allem in den linken Zeigefinger), aber mittlerweile klappt das Schneiden schon besser und Verletzungen werden selten. 😀


Die Bezahlung beim grape picking 💰

Die Bezahlung ist eher schlecht. Wir arbeiten jetzt in der Hochsaison normalerweise 6 Tage die Woche (wenn nicht gerade ein Pferderennen-Nationalfeiertag ansteht 😄) und verdienen ca. 500 australische Dollar netto (ca. 277€) pro Woche. Wenn man diesen Lohn auf die Zeit berechnet, die wir tatsächlich unterwegs sind (also ca. von morgens 5:30 Uhr bis nachmittags 15:30 Uhr), ist das ein jämmerlicher Stundenlohn.

Aber die Bezahlung nach Stückrate bezieht sich nun mal nur auf die Zeit, die wir tatsächlich im Weinfeld stehen und Trauben pflücken – also nicht auf die Fahrten zwischen den Jobs, nicht die Smoko-Pausen und natürlich nicht die An- und Abfahrt ins McLaren Vale.

Im Vergleich zu den anderen Pflückern ist unsere Eimer-Anzahl am Ende des Tages und damit auch unser Gehalt ziemlich durchschnittlich. Die Spitzenpflücker verdienen dagegen deutlich mehr. Es gibt eine Frau, die schon seit über 10 Jahren für John Trauben pflückt. “Die Maschine“, wie sie genannt wird, pflückt pro Job nicht selten 10 Eimer mehr als wir und erarbeitet sich damit einen sehr, sehr hohen Stundenlohn. 🤑

Dürften wir nicht umsonst bei unserem Ozzie Dad Bruce wohnen und hätten wir nicht so ein spritsparendes Auto, würde der Lohn vom Traubenpflücken für nicht viel mehr als unseren Lebensunterhaltskosten reichen. Aber Gott sei Dank haben wir diesen Luxus ja – und dafür sind wir sehr, sehr dankbar!

Weintraubenpflücken oder Kartoffelfarm?

Definitiv Weintraubenpflücken! Auch wenn wir hier nicht fürs Rumstehen bezahlt werden, sondern nur für volle Eimer – das Weintraubenpflücken ist wesentlich angenehmer fürs Gehirn.

Draußen an der frischen Luft sein, sich unterhalten können und im eigenen Tempo arbeiten. Solange das Wetter mitspielt und man die Sache etwas entspannter (also nicht zu verbissen) angeht, ist es eigentlich eine akzeptable Arbeit.

Trotzdem freuen wir uns schon auf das Ende der Saison (voraussichtlich in vier bis fünf Wochen), wenn der Big Boss John alle Traubenpflücker zu einer großen Abschiedsparty einlädt. 🍷 Danach wird dann auch unsere Reise weitergehen.

Wohin? Das wissen wir wieder einmal selber noch nicht so genau. Vielleicht zum Hippie Festival in Victoria? Mal sehen… 😊

Bis zum nächsten Beitrag wünschen wir euch viel Gesundheit und senden euch viele liebe Grüße! ❤️🧡💛💚💙💜

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