Malaysia

Vipassana – Zehn Tage Meditation, Isolation & Schweigen

Horizontblick auf ein Meer während des Sonnenaufgangs. Photo by Ravi Pinisetti on Unsplash.

Zehn Tage voller Meditation, kompletter Isolation und Schweigen liegen hinter uns – wir haben unseren ersten Vipassana-Kurs abgeschlossen! 🧘🏼‍♀️🧘🏽‍♂️

Für alle, die sich jetzt fragen, “Was bitteschön ist denn Vipassana?”, folgt hier mal eine kurze Erklärung.
Vipassana ist eine Meditationstechnik, die von Gotama dem Buddha vor über 2500 Jahren in Indien entwickelt wurde. Durch achtsames Beobachten der eigenen, inneren Welt können die Praktizierenden dieser Technik ihre eigenen Reaktions- und Verhaltesmuster deutlicher erkennen. Dadurch können Ruhe und Gelassenheit des Geistes entwickelt und geschult werden. Eine sehr schöne, ausführlichere Beschreibung der Methode findet ihr auch hier.

Weiße Treppe mit einer Reihe weißer Türöffnungen hintereinander.
Credit: R. Schreiner on Unsplash

In den letzten anderthalb Wochen konnten wir selber erfahren, dass diese Methode wirklich gut funktioniert und welche enormen Weisheiten darin stecken. Aber… die Vorteile dieser Methode kommen leider nicht umsonst. Sie erfordern einiges an geistiger Anstrengung und physischem Verzicht.  Denn damit alle Schüler konzentriert und fokussiert arbeiten können, gibt es viele Regeln und Richtlinien, die streng einzuhalten sind.

Der Verhaltenskodex fürs Vipassana

Jeder Schüler soll in den zehn Tagen komplette Isolation von der Außenwelt und auch von den anderen Teilnehmern des Kurses erfahren. Dafür werden zu Beginn des Kurses alle Smartphones, Kameras, Laptops, etc. eingesammelt und weggesperrt. Männer und Frauen wohnen in strikt getrennten Arealen und kommen nur zum Meditieren in der Meditationshalle zusammen. Außerdem gilt während der ersten neun Tage die “Edle Stille”. Das bedeutet, dass es nicht erlaubt ist mit anderen Kursteilnehmern zu sprechen – weder verbal, noch durch Gestik, Mimik oder Blicke. Fünf Regeln – kein Lebewesen töten, nicht lügen, stehlen, Verzicht auf jegliche sexuelle Aktivität und kein Alkohol / keine Drogen / keinen Tabak konsumieren – sind einzuhalten.

Alle Bücher, Schreibzeug oder sonstige Unterhaltungsgeräte, sowie Essen von außerhalb dürfen nicht mitgebracht werden. Yoga, Joggen oder andere körperliche Betätigung (außer Gehen) sind zu unterlassen. Jeder Schüler hat außerdem folgenden, eng getakteten Stundenplan einzuhalten:

Stundenplan
4:00Weck-Glocken
4:30 – 6:30Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
6:30 – 8:00Frühstück und Pause
8:00 – 9:00GRUPPENMEDITATION in der Halle
9:00 – 11:00Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
11:00 – 12:00Mittagessen
12:00 – 13:00Pause und / oder Interviews mit den Lehrern
13:00 – 14:30Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30 – 15:30GRUPPENMEDITATION in der Halle
15:30 – 17:00Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
17:00 – 18:00Tee-Pause
18:00 – 19:00GRUPPENMEDITATION in der Halle
19:00 – 20:15Videovortrag
20:15 – 21:00GRUPPENMEDITATION in der Halle
21:00 – 21:30Optional: Interviews mit den Lehrern

 

Klingt nach Leben im Kloster? Oder im Knast? Genauso fühlt es sich teilweise auch an!

Wir haben den Kurs in Johor Bahru gemacht, einer Stadt in Malaysia kurz vor der Grenze zu Singapur. Da dieser Ort nur vorübergehend als Standort für die Vipassana-Kurse verwendet wird, sind die Einrichtungen sehr ländlich und rustikal. Damit ihr euch besser vorstellen könnt, wie und wo wir die letzten Tage gelebt haben, folgen mal ein paar Bilder. Kleine Anmerkung: Da wir die Bilder erst nach Kursende machen konnten, sind viele Dinge schon auf- oder weggeräumt worden (so wie z.B. die Matratzen in den Schlafräumen).

Unsere Erfahrungen

Generell fällt es uns sehr schwer, die Erfahrungen der letzten Tage überhaupt in Worte zu fassen. Marcel hatte ein schönes Beispiel, als er meinte: “Das ist so, als ob man probiert, jemandem zu erklären, was Schwimmen ist und wie man schwimmt, ohne das derjenige dabei auch nur einen Fuß ins Wasser gesetzt hat oder setzt.” Außerdem haben Marcel und ich scheinbar auch ganz andere Schwerpunkte und Themen in den Meditationen erfahren, sodass nicht einmal wir untereinander alle Erfahrungen des jeweils anderen nachvollziehen können. Aber wir probieren trotzdem unser Bestes und beschreiben einfach, welche Aufgaben wir in den Meditationsstunden bekommen haben.

Die Technik

Die ersten drei Tage bestanden darin, den natürlichen Atem zu beobachten. Das Einströmen der Luft durch das linke, rechte, oder beide Nasenlöcher, das Gefühl an den Nasenflügeln und die Temperatur des Luftstroms. Spürte man am Anfang nur wenig, wurde die Wahrnehmung Tag für Tag besser und der Fokus des Bewusstsseins schärfer.

Das Training der eigentlichen Vipassana-Technik begann erst am vierten Tag. Dabei handelt es sich eigentlich “nur” um einen intensiven Body-Scan. Das bedeutet, dass die Aufmerksamkeit von Kopf bis Fuß durch den eigenen Körper gelenkt wird. Aber dadurch, dass der Kopf durch den geringen Reiz-Input der Tage in dem Vipassana-Center klar ist und die Wahrnehmung durch die Atem-Meditationen geschärft, nimmt man seinen eigenen Körper plötzlich viel besser wahr. In jedem Quadratzentimeter des Körpers ist es möglich, eine ganze Bandbreite an Empfindungen wahrzunehmen: Pulsieren, Temperatur, Druck, Kribbeln, elektrische Impulse, etc. etc.

Das Unterbewusstsein registriert diese Informationen in jeder Sekunde und reagiert entsprechend darauf. Wir kratzen uns unbewusst an juckenden Stellen, haben ein “ungutes Gefühl”, sind müde, etc. Ins Bewusstsein gelangen diese Gefühle im hektischen Alltag aber normalerweise nur, wenn sie sehr sehr stark und dringlich sind. Schmerzen, Hunger, starker Juckreiz sind Beispiele dafür.

Innerhalb des ersten Kurses bleibt man mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers gewöhnlich auf der Oberfläche (also der Haut), aber in den letzten Tagen probierten sowohl Marcel als auch ich aus, auch IN den Körper hinein zu spüren…. und das ist tatsächlich möglich! Man kann feine Vibrationen und viele andere Empfindungen tatsächlich auch IN dem Körper spüren (also z.B. Impulse aus dem Inneren des Unterarmes).

In den folgenden 50 Stunden Meditation lernten wir also, diese Wahrnehmung weiter zu schärfen und zu beobachten, ohne zu reagieren. Denn: kein Gefühl hält ewig. Alles entsteht und vergeht. Alles ist im ständigen Wandel. Beim Vipassana lernt man, diese Weisheiten nicht nur intelektuell zu verstehen, sondern auch auf einer tieferen Ebene zu erfahren und zu begreifen.

Es war schmerzhaft… und lehrreich!

Zur Verstärkung dieser Technik gab es täglich drei jeweils einstündige Gruppenmeditationen, an denen wir uns nicht bewegen durften (sitting with strong determination, auf Pali: adhiṭṭhāna). Welche Sitzposition am Anfang der Stunde gewählt wurde, musste eine Stunde lang eingehalten werden!

Ihr könnt vielleicht erahnen, welche Schmerzen nach 40 Minuten still Sitzen im Schneidersitz in den Knien, den Beinen und den Füßen auftreten. Und dann sind es noch 20 Minuten, in denen sich jede Minute wie eine Stunde anfühlt. Aber genau darum geht es! Wahrzunehmen, ohne zu reagieren und bewerten. Zu sehen, wie jedes Gefühl kommt und wieder vergeht. Und es ist wahr, sobald man die innere Jammerei und Ablehnung gegen den Schmerz fallen lässt, wird es besser.

Angst davor zu haben, dass man sich ernshaft verletzt, muss man bei einem gesunden Menschen im Normalfall übrigens nicht. Der Körper ist durchaus in der Lage, eine Stunde lang regungslos da zu sitzen und keinem von uns Schülern sind Beine oder Füße abgefallen. Die Shaolin-Mönche trainieren ihren Geist mit weitaus schmerzhafteren Methode und leben ja auch noch. 😄

Erkenntnisse & Erfahrungen

Wie bereits gesagt: unsere Körper sind verschieden und die Erfahrungen jedes Schülers sehr individuell und reichen von dem Lösen von Blockaden im Körper, dem Erkennen von Stellen im Körper, die man unbewusst ablehnt (“blind spots”, also Stellen, an denen man nicht viel wahrnehmen kann) bis hin zu einem tieferen Verständnis der Aussagen alter Weisheitslehren – unter anderem auch aus der Bibel und den östlichen Philosophien. Wunder darf man keine erwarten, aber sowohl Marcel, als auch ich haben rückblickend eine ganze Menge gelernt, gefühlt und verstanden. Auch wenn das Vipassana sehr sehr hart und anstrengend war (was das EBC-Trekking für den Körper war, war das Vipassana für den Geist), es hat sich für uns definitiv gelohnt!

Unser gesamtes Leben lang haben wir all unseren Fokus immer nach außen gerichtet. Ausbildung, Beziehungen, Wohnung, Konsumgüter, Hobbies, Abenteuer, Geld. Alles spielt sich im Außen ab. Wir haben nie gelernt, nach Innen zu schauen. Dabei spielt sich eigentlich wirklich alles im Inneren ab. Auch Geld will man im Außen nur verdienen, um sich schöne Dinge kaufen zu können, damit man sich im Inneren gut fühlt! Und im Inneren gibt es so viel zu entdecken…

Außerdem konnten wir zum Beispiel feststellen, dass – obwohl niemand gesprochen hat – die eigene Stimme im Kopf munter alles weiter kommentiert und einem das Leben während der Pausen gar nicht so still und ruhig vorkommt, wie wir es eigentlich erwartet hätten. Trotzdem gab es aber auch Momente der tiefen Ruhe – vor allem beim Beobachten der Natur nach Sonnenaufgang mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand. ☕️😄

Kosten, Standort & Empfehlung

Die Kurse, sowie Unterkunft und Verpflegung für die zehn Tage sind kostenlos. Vipassana basiert auf Spendenbasis von Schülern, die mindestens einen zehntägigen Kurs abgeschlossen haben.

“The course I have taken has been paid for through the generosity of past students; now let me give something towards the cost of a future course, so that others may also benefit by this technique.”

Die Kurse werden weltweit angeboten und sind auch in Deutschland durchführbar. Falls ihr also Interesse habt: Wir empfehlen Vipassana sehr. Aber seid gewarnt: es ist wirklich nicht ohne und kann mitunter an persönliche Grenzen führen. Von 28 Kursteilnehmerinnen unseres Kurses finden wir es deshalb bemerkenswert, dass nur eine den Kurs abgebrochen hat. Bei den Männern waren es aber sieben Abbrecher von 17 anfänglichen Teilnehmern.

Wie geht unsere Reise jetzt weiter?

Wir sind gerade erstmal noch drei Nächte in Johor und kommen wieder im hektischen Stadtleben an, bevor wir uns auf den Weg in die Stadt und Republik des Löwen machen: Singapur! Da Unterkünfte dort für unsere Verhältnisse sehr sehr teuer sind, freuen wir uns, dass wir beim Vipassana eine Frau aus Singapur kennengelernt haben, bei der wir übernachten dürfen. Danach geht es wahrscheinlich weiter nach Indonesien.

Wir werden – wie immer – berichten. 🙂 Bis dahin viele liebe Grüße zum letzten Mal aus Malaysia! 💜

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